Puppenspieler und Schwanz beenden Karriere

Die Verführung des Weiblichen war die Schiene seines ewig gleichen Handelns, bildete Ziel und Inhalt dieses Lebens. Den Bedürfnissen der an seiner Seite zerbrechenden Ehefrauen begegnete der Puppenspieler mit Zynismus. „Wenn mehr als ein Liter Wodka in ihre Wut gemischt war, hatte sie immer Schwierigkeiten mit den Zischlauten.“

Philip Roth: „Sabbaths Theater“ (1995), Deutsch von Werner Schmitz, rororo, 1998.

Weder ihnen noch seinen Geliebten vermag er ernsthaft die Treue halten. Jede Anwandlung eines monogamen Gedankens kann er sophistisch beiseite wischen. „Ja, ist denn Liebe Sklaverei?“

Der Tod der Geliebten Drenka, deren langjährige Hingabe den 64jährigen vom wöchentlichen Beweis seiner Verführungskraft entbunden hatte, beendet diesen Abschnitt und wirft Sabbath auf sich selbst zurück. Durch den Tod entzieht sich die Frau seinem Körper und spiegelt zugleich die Sterblichkeit und Hinfälligkeit Sabbaths wider. Dessen Bestandsaufnahme endet ernüchternd. „Der Schwanz wird nicht mit Garantie auf Lebenszeit geliefert.“

Sabbath ist ausgebrannt. Ihm bleiben nur magere Rituale, die ihn an sein einstmals pralles Leben erinnern. Pietisten werden zusammenzucken, wenn Sabbath auf Drenkas Grab uriniert. Die Hände werden sie über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er auch noch zu masturbieren beginnt. Der Leser muss selbst bestimmen, welches Maß an Obszönität er zu finden bereit ist. Er selbst ist der Maßstab, an dem sich Sabbaths Leben letztlich bemisst.

Ohne es zu wollen, wird die von Roth sorgfältig konzipierte Moralfalle betreten und die Einnahme eines Standpunkts herbeigeführt. Beim leisen Aufkeimen von Entrüstung sollte sich der Leser die Frage stellen, ob nicht das, was Sabbath tut, genau dem entspricht, das zu tun einem selbst unmöglich ist, aber einem deswegen nicht unangenehm wäre. Die Gesellschaft bietet dem an einem Endpunkt angekommenen Mann ihre Hilfe an: Prozac und psychiatrische Behandlung. Sabbath verzichtet geringschätzig auf die Beruhigungstechniken der Moderne. Spöttisch und hämisch schlägt er einer Welt ins Gesicht, die den tanzenden Satyr mit Entsetzen zur Kenntnis nimmt und diese Anstrengung auch nur unter dem Gebrauch von Rauschmitteln und Barbituraten auszuhalten vermag. Ihre Zivilisiertheit erschöpft sich darin, die interessanten Aspekte des Lebens unter den Grabsteinen euphemistischer Sprachcodes zu bestatten und sämtliches ursprüngliches Verlangen durch Konventionen zu brechen. Ihre Antworten heißen Sich-Austauschen, Selbsterfahrungsgruppe und Anonyme Alkoholiker. Eine saubere und domestizierte Welt, die „mit Sabbaths Skeptizismus und sardonischer Intelligenz nichts gemeinsam“ hat. Sein unzüchtiges Theater ist die Anklage einer Gesellschaft, die ihr Selbstvertrauen verloren hat und die Suche nach Sinn mit leerem Aktionismus zu befriedigen sucht.

Ihr „sitzt in der Jury von Poesiewettbewerben für degenerierte Kannibalen in Hochsicherheitstrakten.“

An seinen Studenten muß der ordinierte Puppenspieler kulturelle Entwicklungsarbeit leisten. Shakespeares Othello? „Du hast nie davon gehört, weil es das Klischee vom gewalttätigen Schwarzen verewigt.“ Sabbaths Herumtoben und Tabuverletzungen zeigen die Entfernung der Zivilisation von den Fragen, die der Mensch in ihr aufwirft. Unter der an vielen Stellen plakativ und ermüdend wirkenden Darstellung Sabbaths Triebhaftigkeit müssen tiefere Schichten im Charakter des Puppenspielers freigelegt werden. Um den Strang der äußeren Handlung, der Reise zu einer Beerdigung nach New York, kreisen spiralförmig die Reflexionen und wieder aufgerufenen Gefühle eines in 64 Jahren verbrauchten Lebens. Der Puppenspieler stülpt die wichtigsten Personen seines Lebens über die arthritischen Finger und gibt sich eine letzte Vorstellung. Sabbath spricht mit seiner toten Mutter. Er legt das 1944 von einem japanischen Jäger beendete Leben seines Bruders Morty wie eine Folie über die eigene sinnlos gewordene Existenz. Er sucht Spuren nach diesem Leben, das er in seinen Gedanken nie hatte beendet können.

 „Wacht irgendeine andere Spezies mit einem Ständer auf? Wale? Fledermäuse?“

Sabbaths Kopulationswut und Tabubrüche dienen ihm nur noch, sich täglich des eigenen Vorhandenseins zu vergewissern. Sie sind gewagte Sprünge in Richtung Leben, Versuche, sich einen Sinn über all den Verlusten zu schaffen, die sein Leben mit Bruchstellen versehen haben und es bis zur letzten Minute prägen. Mit Lust hat das alles nicht mehr viel zu tun. Eine Antwort auf das Leben findet Sabbath nicht. Er pendelt zwischen der Anerkennung chaotischer Sinnlosigkeit und den Seidenschlüpfern, die er beim Durchsuchen der Schlafzimmerschubladen seiner Freunde findet. Sabbath ist sein eigenes Rätsel. „Die Erde schwebt schmerzfrei im All herum – die unbeschwerte Menschheit macht einen vergnügten Urlaubstrip -, und plötzlich tritt Sabbath auf, und über Nacht wird der ganze Laden zu einem tränenüberschwemmten Irrenhaus. Wie kommt das? Kann mir das jemand erklären?“ Sabbath kehrt zurück zur unstillbaren Triebhaftigkeit des Menschen, die letztlich den Fortbestand dieser einzigartigen Art garantiere und der Art dabei selbst jede Menge Spaß. Oder wacht „irgendeine andere Spezies mit einem Ständer auf? Wale? Fledermäuse?“

„Die Erde schwebt schmerzfrei im All herum – die unbeschwerte Menschheit macht einen vergnügten Urlaubstrip -, und plötzlich tritt Sabbath auf, und über Nacht wird der ganze Laden zu einem tränenüberschwemmten Irrenhaus.“

Bruten Butterwek

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