Viva Gaddis!

Das verrotzte Taschentuch auf den Hörer der Schultelefons gepresst, beleiht er mit um eine Oktave gesenkter Stimme das Klassenkonto, kauft der Navy 9000 hölzerne Picknickgabeln ab und verscherbelt sie mit Gewinn an die Army.

William Gaddis: „JR“ (1975), Deutsch von Marcus Ingendaay und Klaus Modick, Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2001.

„Er hat irgendetwas Rührendes an sich, finde ich. Ungefähr so rührend wie ein Hammerhai.“

Auf einem Klassenausflug der sechsten Klasse an die Wall Street offenbart sich dem elfjährigen JR der Kapitalismus. Erfahren im Tauschgeschäft mit Gratis-Werbegeschenken und Zeitungsausschnitten, kann er zwischen den eigenen pubertären Tauschgeschäften und dem Handel mit Wertpapieren, Optionen und Schuldverschreibungen keinen sonderlich großen Unterschied erkennen. Er beschließt, selbst an die Börse zu gehen. Einmal Blut geleckt, legt JR seine Schüchternheit ab. Er übernimmt via Telefon und Briefpost handstreichartig eine marode Textilfabrik, investiert die Ersparnisse ihres Pensionsfonds in eine Brauerei und schreibt die Verluste einem anderen seiner Unternehmen als Steuergutschrift gut. Der Anfang einer Karriere.

Wie er mit Werbegeschenken und Papierschnipseln handelte, verschiebt der Sechskläßler nun Firmenanteile, ruiniert ungerührt deren Belegschaften und führt zu einer erschreckenden Folgerichtigkeit, was ihm von der Umwelt vorgelebt wird. Von der Mutter vernachlässigt und in der Schule mit dem alltäglichen Irrsinn eines Lehrkörpers überzogen, der zwischen krankheitsbedingtem Ausfall, Idiotie und bildungsbeflissener Autosuggestion schwankt, ahmt JR die äußere Form wirtschaftlichen Untenehmertuns nach, ohne sich lange mit inhaltlichen Werten aufzuhalten.

Weniger die Kapitalverschiebungen des Schülers erscheinen absurd, als vielmehr die Mechanismen des staatlich geordneten Systems Kapitalismus, die JR erst zulassen. Dividende, Abschreibung und Steuervergünstigung nennen sich Stützpfeiler der Gesellschaft. Das auf die äußere Form beschränkt bleibende Gewinnstreben gewinnt die Oberhand. Sinn und Inhalt werden darin nicht gesucht. Keiner scheint ihr Fehlen zu bemerken. „Alles ist soviel wert, wie irgendein Idiot dafür bezahlt“. Die persönliche Beteiligung an Arbeit oder Geschäft gerät zur bestaunten Seltenheit. William Gaddis 1975 erstmals erschienener Roman „JR“ galt bis zu dieser ersten Ausgabe in Deutsch als unübersetzbar. Der Roman besitzt keinen Erzähler, der mit weisen Worten hier und dort einschreitet und dem bequemen Leser aus überlegener Sicht die Zusammenhänge erklärt. Die Handlung wird allein von der Sprachkompetenz der Figuren angetrieben und verstehbar gemacht wird. „JR“ sind 1039 Seiten absatzlos aneinandergefügte Dialoge. Da die über dreißig Sprecher nicht namentlich gekennzeichnet werden und sich allein durch ihr jeweiliges Idiom und Thema voneinander unterscheiden, bleibt es dem Leserverstand überlassen, herauszufinden, wer gerade mit wem über was spricht. Das anfänglich undurchsichtige Beziehungs- und Handlungsknäuel wird mit jeden 100 Seiten durchsichtiger und befriedigender. Es ist schiere Lust, Teil des kommunikativen Prozesses, Zeuge des sich abspielenden realen Nonsens zu werden. „JR“ kann nicht nacherzählt werden. „JR“ muss selbst gedacht werden. Alles eines der großen Bücher des 20. Jahrhunderts verdient es das.

Bruten Butterwek

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