Postkarten an die Literatur

Anatole Broyard, langjähriger Herausgeber und Literaturkritiker der New York Times, blickt auf seine Anfänge im literarischen Submilieu von Manhatten zurück und entwirft eine breit angelegtes Panorama, das sich nicht begnügt mit schlichter Schilderung und trockener Personencharakterisierung, sondern mit schwebender Leichtigkeit Witz und Lebensgefühl der späten 40er Jahre einfängt und aufs Papier fließen lässt.

Anatole Broyard: „Verrückt nach Kafka“/“Kafka was the Rage, A Greenwich Village Memoir“, 189 Seiten, Deutsch von Carrie Asman und Ulrich Enzensberger, Berlin Verlag, Berlin 2001.

„Ich kritzelte dauernd etwas auf kleine Blöcke, die ich mit mir herumtrug, notierte Ideen, Sätze, Bilder. Die Hälfte aller jungen Männer im Village machte sich solche Notizen. Man sah sie stehen bleiben und ihre Blöcke oder Notizblöcke zücken, um irgend etwas zu notieren, was ihnen gerade aufgefallen war – die Farbe des Himmels, eine Straßenbiegung, eine Inkongruenz. Es waren Postkarten an die Literatur, die wir nie abschick-ten.“

Broyard entfaltet ein Literatur-Pandämonium, verlässt dabei  nie die Ebene des Alltäglichen, den Raum des eigenen Erlebens. Die Literaten bleiben nicht haften am Himmel der Kritik. Stets stehen er und der persönliche Wirkungskreis im Mittelpunkt. Erst an ihm gewinnen jene ihre Kontur. Sie steigen herab. Geraten zu menschlichen Wesen. Gewinnen an Fleisch und Blut. Delmore Swartz und W.H. Auden. Man trifft sich beim Einkauf, auf der Straße oder in abendlicher Gesellschaft. Der Leser klebt ihnen an den Sohlen. Folgt auf Schritt und Tritt. Er wird nicht hinaufgezwungen in den stillen Olymp, wo Anais Nin und William Gaddis thronen. Er muss sich nicht hinter enge Bänke quetschen, um Meyer Shapiros und Erich Fromms Vorlesungen zu lauschen. Alles bleibt am Boden. Im Alltag. In der Wirklichkeit. Dort wagt William Gaddis eine unglaubliche Verführung. Spielt seinen Intellekt aus, scheitert an Emotion und Situation, verliert im Gelächter von Broyard und Donatti die Fassung und flieht.

Die Abstraktion bleibt fern, das Leben pocht.

„1946 war das Village dem Paris der zwanziger Jahre so ähnlich wie nie. […]. In den Straßen und Bars wimmelte es von Schriftstellern und Malern und von jungen Männern und Frauen, die sich gerne in deren Gesellschaft bewegten. Auf dem Washington Square warfen sich Möchtegernromanciers und -dichter in der Nähe der Fontäne Bälle zu, und Mädchen, frisch aus ihren Ivy League Colleges, schauten mit Kunstgeschichte in den Augen auf die Szenerie. Leute auf den Bänke hielten Bücher in den Händen.“

Broyard lebt im Künstlerviertel. Tagsüber betreibt er einen Buchladen, nachts liebt er Sheri Donatti (aka Martinelli) und besucht im Rahmen seines GI-Stipendium die New School. Er nimmt Unterricht bei Shapiro und Fromm. Der „war klein und mollig. Seine Kinnbacken waren breiter als seine Stirn, und er erinnerte mich an eine brütende Henne.“ Die Moderne feiert fröhliche Urständ. Fasziniert von Theorie und Bewusstsein, begeistert von der Möglichkeit, Kunst endlich erklären zu können, bleibt Broyard genug Haftung, abseits der Abstraktion am Leben teilzunehmen. Er geht tanzen in Spanish Harlem, verfasst in der Partisan Review die ersten Rezensionen und findet als Anhängsel von Donatti in einen Bekanntenkreis hinein, der schon damals als das Who’s who moderner Literatur gilt.

„Niemand im Village hatte eine Familie. Wir waren alle unserer eigenen Stirn entsprungen, spontan entstanden, so wie man sich einst die Entstehung von Fliegen dachte.“

Er geht mit Delmore Swartz bei Brooks einen Anzug kaufen, zerstört Anais Nins Korkenziehersammlung, ringt mit William Gaddis um die Zuneigung von Donatti. Letztere stolpert in einem Laden über W.H. Auden. Der klammert sich an sie. Beide gehen zu Boden. Wälzen sich im Dreck. Das geschieht bei hellichtem Tag. Gilt als nichts besonderes. Im Village ist das so. Auch mit W.H. Auden. Broyard ist angesteckt von Tempo, Rhythmus und Zeitgeist. Er unterzieht sich seiner ersten Psychoanalyse. Ihm ist danach. Sie ist hip. Sie ist neu. Ihn scheint es zu jucken, doch weiß er nicht, wo sich kratzen. Weshalb also nicht die Analy-se ausprobieren? Alle probieren sie aus. Sie „[…] lag in der Luft wie Feuchtigkeit, wie Rauch. Man konnte sie fast riechen. Das ganze Establishment der Psychoanalyse hatte New York in einem Gegenangriff besetzt, ein deutscher Marshall-Plan.“ Während der Sitzungen, in denen er den Analytiker nicht zu sehr zu lang-weilen versucht, gelingt ihm zwar nicht Lösung seiner Probleme – er vermutet, es gibt gar keine -, jedoch eine spitze Beschreibung einer Zunft, deren Melancholie selten klarer gefasst wurde: „Wie musste das sein, überlegte ich, das eigene Land um eines anderen Landes willen zu verlassen und dort immer nur auf das Unglück und die Verwirrung der Leute zu treffen, die dort lebten? Was wäre, wenn Amerikaner nach Paris oder Florenz fahren würden und ihnen dort Kellner, Hotelangestellte und Taxifahrer ihre Träume, Ängste und namenlose Ärgernisse erzählen würden?“

So dürfte es weitergehen. So könnte man ewig lesen. Broyards Stil besticht durch Eleganz und Schlichtheit. Der Wind der Zeit weht zwischen den Zeilen hindurch, man vermag das Village zu riechen und seine Menschen diskutieren hören. Jazz, afroamerikanische Rumba und Partygelächter – man fühlt der Musik den Puls, spürt Rhythmus und Takt – auch wenn das Buch geschlossen ist, die Seiten längst ausgelesen sind. Die Memoiren bleiben unvollendet. Anatole Broyard erliegt 1990 einem Krebsleiden. Unser neugieriger Blick hat sich zu senken, Freude der Wehmut zu weichen. Doch der Spalt, der sich für einige Momente auftat, warf mehr Licht herein, als manch andere Historiographie. Was auf uns kommt, ist pralles Leben. Schillernd und quirlig. Reich an vielem.

Wer tiefer einsteigen möchte, sei dies hier empfohlen. Broyards geheime Hautfarbe und Identität erweitern alles um eine weitere Dimension.

http://motherjones.com/media/2007/11/autobiography-ex-white-woman-bliss-broyards-one-drop

Bruten Butterwek

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