„Duplikate werden eliminiert“

„Die Anklage macht Ihnen folgendes Angebot: Sie bekennen sich des Mordes schuldig, ohne mildernde Umstände, und die Anklage tut alles, was sie kann, um sie hinrichten zu lassen.“ 

Denis Johnson: „Engel“, übersetzt von Bettina Arbabanell, Fest 2001.

„Was mache ich falsch?“ Nichts. Das Leben ist voller Zufälle und ehe man sich versieht, steht man in einer Bank, schießt einem Sicherheitsbeamten in den Bauch und richtet aus lauter Nervosität ein Blutbad an.  Das sagt man ihm und wäre William bei besserem Verstand, dann würde er verstehen, der Autor formuliert hier eine Parabel über das alltägliche Leben und dabei hat er  einen zürnenden Gott im Sinn, der das Schwert hebt und straft. Ein Gott ohne Gnade. Aber William ist weder intelligent noch Literat, sonst würde er vermutlich diskutieren und das das Unabwendbare aufzuschieben suchen. So erkundigt er sich, ob „das Gas“ weh tue und stimmt dann dem Vorschlag zu, der keiner ist, sondern Urteil und grundlegendes Paradigma zugleich.

Die Welt von Denis Johnson kennt weder Güte noch Gnade. Erlösung finden allein die Alten und die brauchen dazu die Phrasen der Prediger, um ihr elendes Leben nicht in der dunklen Armseligkeit zu sehen, zu der es bei Licht besehen geworden ist. Die Jungen werfen Pillen ein, surfen  Amphetamin und bedienen die Droge literweise mit billigem roten Tafelwein.

Es ist 1977 und Denis Johnsons „Angels“ ist soeben in New York erschienen. Es war 2001 und in Hamburg schlug die ZEIT ob solcher Ignoranz die Hände über dem Kopf zusammen. Wie man diesen Autor in Deutschland nur so lange habe vernachlässigen und erst 2001 mit einer Übersetzung habe würdigen können, wird geklag, die „eigentümliche Intensität“ der Auftritt von „Nachtgestalten“ amerikanischer Provenienz gerühmt und konstatiert, dass in solcher Welt kein Platz mehr sei für Moral und Sitte. Schließlich, fügte Martin Lüdke an, müsse er sich das Buch ständig nachkaufen, weil einmal ausgeliehen, er es nicht mehr von den Borgern zurückerhalte.

Stewart O’Nan, der in den letzten Jahren einen ungesunden Drang zur Klappentext-Laudatio entwickelte, bezeugt Ähnliches. Spricht das für den Text? Lesen die „Engel“-Leiher die knapp 240 Seiten nun bereits schon zum siebten Mal, ein ums andere Mal verzückter und strahlender? Oder haben sie das Buch nach 30 Seiten aus der Hand gelegt und quälen sich täglich pflichtschuldigst durch ein paar Seiten. Zurückgeben tut man das dann lieber nicht. Schließlich will man weder Lüdke noch O’Nan vor den Kopf stoßen, wenn man ihnen sagen muss: „Tut mir Leid. Ist nicht schlecht. Aber ganz durchlesen hab ich es nicht können.“

„Engel“ ist kein leichtes Buch. Dabei erweist der Text sich alles andere als sperrig. Die Sprache bleibt zugänglich und die Handlung leicht zu verfolgen. Es ist die Welt, in die Johnson den Leser hineinschickt, die Schwierigkeiten bereitet. Künstlerisch geschlossen überträgt der Autor das unbewusste Lebensprinzip seiner Figuren auf äußere Form wie inneren Gehalt. Camus – schwarze Pillen kauend.

Jamie treibt, nachdem sie ihren Mann verlassen hat, durch die USA, ihre beiden kleinen Töchter im Schlepptau und bald auch Bill Houston, der sie im Überland-Bus aufgabelt. Während Jamie sich anlehnt und  Schutz zu finden vermeint, erweist sich Bill als untalentierter Kleinkrimineller. Jamie lehnt sich dennoch an und ohne Widerstand, ohne Willen und Ziel lässt sich leiten, konsumiert sie die Pillen, die man ihr anbietet, und muss unerfreuliche Ereignisse überstehen. Ihr Lebenswillen scheint ungebrochen und auch die Zuneigung zu den Töchtern, gut verborgen hinter üblen Gedanken, scheint unberührt. Doch das Wohin, das Wozu, danach wird von ihr nicht mehr gefragt – es wird erduldet. Jamie lässt sich schieben und vom Rausch ertränken, worin das Unbehagen sich gerade noch auflösen lässt.

„Weißt du, was die Japaner sagen? Erst holt der Mann sich einen Drink. Dann holt der Drink sich einen Drink.“

Bill Houston ist nicht anders. Während Jamie den gefallenen Engel verkörpert, dessen Flügel gebrochen und federlos sind, neigt er der luziferischen Seite des Engelhaften zu und will sich erheben gegen ein Schicksal, dass es nicht gut mit ihm zu meinen scheint.

„Manche sind eben dabei, um zu gewinnen, Jamie, und andere, um zu verlieren.“ Seine Augen verschlangen ihr Gesicht. „Du musst bloß eins wissen“, sagte er, „Duplikate werden eliminiert.“

Die Larmoyanz und Belanglosigkeit der Gespräche erinnern an den frühen Tarantino. Die Exzesse scheinbar unmotivierter Gewalt an Stones/Tarantinos „Natural Born Killers“. Aber „Engel“ war zuerst. Will man dem Text gerecht werden, muss jenes Unbehagen hinuntergeschluckt werden, das einen bei jedem weiteren Tarantino-Plagiat der späten 90er befiel. „Engel“ ist kein Till Schweiger-Eisbär, keine missverstandene Epigonie, die ihren Reiz in unfreiwilliger Komik findet, auch keine platte Kopie, der, einmal in die Spannung des Originals geraten, die Luft ausgeht. „Engel“ war früher und muss in Deutschland nun leiden an veränderter Seh-/Lesegewohnheit und Rezeptionserfahrung.

„Erschieß doch einer das Schwein“, schrie er. „Knall die Drecksau ab“, brüllte Burris. Sein Bruder lag am Boden. Aus den tiefsten Tiefen der Gerechtigkeit schrie Burris: „Bring ihn um!“ Und Bill Houston tat es.

Parallelen zu den „Snow Angels“ des Johnsons-Laudators Stewart O’Nan sind vorhanden. Doch während dort die Figuren zu Charakteren vertieft und ihre Handlungen zu Ausdrücken ihres Wesens ausgebildet sind, bleibt die in „Angels“ präsentierte Personenkonfiguration flach und ohne Kanten. Dies erschwert das Hineinfinden in ihre Beweggründe, Wünsche und Schwierigkeiten. Dies ist beabsichtigt und begründet. Kennt man schließlich doch jenen Menschentyp, dem Johnson seine Leser begegnen lässt. Allesamt sind es Duplikate. Nicht eingeständige Archetypen oder Persönlichkeiten, sondern verzerrte Abbilder. Sie reisen über Highways, die ein Land vernetzen, das sich selbst so gleich geworden ist, dass seine Städte ununterscheidbar und ihre Menschen zur Wiedergängern geworden sind. Ohne Ziel und Wurzeln, von Momenten, nicht von Gefühlen oder Gedanken geleitet.

Ein Laden wird überfallen. Als ob Bill Houston sich die Nase putzte, tritt er ein, spitzt den Zeigefinger im Mantel zur Pistole und ergaunert sich eine kleine Beute. Später, in der flirrenden Hitze von Phoenix, wird eine Bank ausgeraubt. Die Planung, welche die vier Diebe voranstellen ist schmerzlich zu lesen, stellt sie sich schließlich dar, als würde ein Quartett fünfzehnjähriger Filmfreaks die Grazilität eines „Rififi“ nachstellen wollen, aber tumb mit Super8 draufhalten. Ohne eigenes Inneres bleiben Film und Fernsehen die einzige Folie, auf der sich das eigene Leben überzeichnen lässt. Als in Phoenix die Katastrophe geschieht, ist dies nicht das Ende, sondern ein weiteres Moment im willkürlich und gnadenlos empfundenen göttlichen Weltenspiel. Die nächsten Duplikate sind bereit, ihre Auferstehung aus der Asche der Vergangenen bereits vollzogen. Ihre Ziel- und Wurzellosigkeit Paradigma, der Wunsch nach Glück die einzige Sehnsucht.

„Engel“ bleibt auch nach der letzten Seite der höchst künstlerischer Ausdruck eines Zeitempfindens, welches sich nicht nur aus den 70ern in die frühen 80er rettete, sondern von seiner kritischen Aufgebrachtheit auch im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nichts verloren hat. Dies ist oft schwer zu ertragen ob der Ungelenkigkeit der Figuren und der situativen Willkürlichkeit des Geschehens. Ein Unterhaltungsroman ist es schließlich nicht. Bleibt der Mensch sich doch gleich. Besonders, wenn es sich um Duplikate handelt.

Bruten Butterwek

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