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„Ich, im Rahmen meiner Sympathiekundgebung für Glory Joy, ich berichtete ihr von Chucks optischen Ausfällen, wie ich sie zum ersten Mal in der Futtermittelhandlung erlebt habe, wo ich ihm an dem einen Tag bloß auf den Rücken zu klopfen brauchte, was aber nur zum Spaß gewesen ist wegen einem Witz, aber wie dabei seine Augen komplett aus der Fassung sprangen einfach so, weswegen ich zu ewigem Stillschweigen verdonnert wurde, damit niemand von seinem Geheimnis erfährt.“

David Foster Wallace: „Kleines Mädchen mit komischen Haaren/Girl with Curious Hair“, Deutsch von Marcus Ingendaay, herausgegeben von Denis Scheck, Köln 2001, 254 Seiten.

Erinnerungen an TC Boyle wurden wach oder John Irving, denen gleichfalls in relativ jungen Jahren erste Erfolge gegönnt waren. Selbstverständlich dürfen Vergleiche zu Thomas Pynchon und William Gaddis nicht fehlen, obwohl dieser Vergleich mehr als schief aufgehängt ist und vermutlich allein auf die Vielseitigkeit des Mannes rekurriert wie auch auf die Länge seines zweiten Romans „Infinite Jest/Unendlicher Spaß“, der sich über 1079 Seiten erstreckt. DFW schien den Trubel um seine Person unbeschadet überstanden zu haben und vermochte bald ein umfangreiches Oeuvre vorzuweisen

Während man immer noch über den Freitod des Autors rätselt und trauert, der „Unendliche Spaß“ wie ein Ziegelstein hin- und hergeschoben wird, mag man sich wieder zurückbesinnen auf die Anfänge von Wallce in Deutschland, 2001, als eine Sammlung von Kurzgeschichten, die von einem gut aufgelegten Marcus Ingenday vorzüglich übertragen wurden, unter dem Namen „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“ erschien. Der Titel des Bandes bezieht sich auf eine der Short Stories, die er umgreift, und ausgerechnet diese Story erweist sich bereits nach wenigen Seiten als dünn und misslungen. Brett Easton Ellis hatte gerade den Höhepunkt seiner verdienten Popularität erreicht, als DFW dessen Gedanke aufgriff und fortzuspinnen trachtete. Die Begeisterung ist ihm anzumerken und die Lust, den Leser auf den Bahnen zu führen, die Ellis mit „American Psycho“ ausgehoben hatte, jeder Zeile anzumerken. Dennoch reicht es nicht hinaus über eifriges Epigonentum, Milieuzitaten und sexuelle Versatzstücke. Wo Ellis die Eitelkeit und Gewalttätigkeit seines Protagonisten ironisch an ihm selbst zu spiegeln wusste, bleibt der Nachfolger am Oberflächlichen haften und berauscht sich zu sehr am virtuellen Ausbruch und der Irrwitzigkeit seines Protagonisten, sodass die kleine Geschichte zu schnell in die Besenkammer der Sozio- und Psychopathen abgestellt werden kann, wo sich schließlich genug Figuren tummeln.

„Hier meldet sich ein Schriftsteller zu Wort, der ernst macht. Der ins Risiko und aufs Ganze geht.“ Das meint wenigstens Denis Scheck im Nachwort des Buches. Doch hat es wenig mit Risiko und noch weniger mit „aufs Ganze gehen“ zu tun, wenn einer ausgetrampelten Pfaden nachfolgt und nicht viel Eigenes beizusteuern vermag. Nach „American Psycho“ betätigten sich zu viele Hobbyschreiber daran, drogenumnebelte und gewalttätige Gedanken auf Jet Set-Assholes zu projizieren und an ihnen auszuleben. Schon vor der Jahrtausendwende war da nicht mehr viel Originäres zu erkennen.

Auch in einer weiteren Story enttäuscht das von DFW gezeichnete Bild den Leser. In „Mein Auftritt“ entwirft er den fiktiven Auftritt einer Soap-Schauspielerin bei David Letterman in den späten 80ern. Bereits auf der Anreise zur Late Night versuchen ihr Mann und Manager – später dann via Ohrstöpsel auch während der Show -, sie vor dem gefürchteten Talker und seinem erwarteten Sarkasmus-Feuerwerk zu bewahren. Es hagelt Verhaltensmaßregeln, Themenblöcke, Verbote und Gesprächsgebote. Was sich jedoch als ein Pfund erweisen könnte, mit dem ein guter Autor zu wuchern verstünde, bleibt alles seltsam schal und unterentwickelt am Rand der Handlung stehen. Statt die möglichen Verwicklungen und Brüche durchzuexerzieren und die Figur Letterman durchzuspielen und nicht nur als braven Abklatsch herzunehmen, besinnt sich DFW am Ende der Geschichte darauf, den Auftritt auf den Selbsterkenntnisprozess der 40jährigen zu reduzieren und in einen Ehekrach münden zu lassen. Schön, wenn man während des Lesens davon auch etwas gelesen hätte. Man darf sich vieles denken und ausmalen. Sperrigkeit und Kritik sucht man vergebens. Dabei wird an DFW gerade seine Medienkritik gelobt und von manchen Rezensenten gerne zu einem neuen Realismus umgedeutet. Da der Autor tatsächliche Figuren des öffentlichen Lebens hernimmt und sie zu Marionetten seiner Fantasie werden lässt, darf dieser Anspruch auch gestellt werden. Doch von Wagen und Risiko ist hier wenig zu verspüren. Eine Biografie über David Letterman läse sich vermutlich spannender und lustiger wäre sie obendrein.

DFW bleibt auch in der Geschichte „Tiere sehen dich an“ dem TV-Milieu treu und entwirft ein Tableau, mit dem einiges anzufangen wäre. „Jeopardy!“, die Gameshow, bei dem die Frage zur Antwort gefunden werden muss, fügt er eine Kandidatin ein, die dank ihrer Kindheit (sic!) in der Lage ist, sämtliche anderen Mitbewerber auszuschalten und sich für mehrere Jahre (!) auf dem Thron des amtierenden Champions zu halten. Paul Thomas Anderson scheint bei der Konzeption von „Magnolia“ diese Idee aufgegriffen und abgewandelt fortgeführt zu haben. Bei DFW verliert die Quizkönigin nicht deshalb, weil der Drang der überfüllten Blase ihr die Gedanken verwirrt, sondern ihr zum Showdown aufgebotene autistische Bruder, dessen Therapie sie während der vergangenen Jahre mit ihren Gewinnen finanzieren half, Tierantworten besser als sie zu Fragen umzuformulieren weiß. Etwas Trauma wird noch untergerührt, Lesbiertum hinzugegeben und ein Mutter-Tochterkonflikt darf auch nicht fehlen. „Tiere sehen dich an“ schwankt zwischen Genialität und Mittelmäßigkeit. Hat DFW alles so gemeint, wie er es geschrieben hat, bleibt die Story nicht mehr als eine Ansammlung alberner Klischees. Dürfte man ihm zutrauen, etwas von seinem Metier zu verstehen, kann die Geschichte getrost als raffinierter Versuch gewertet werden, einen doppelten Boden einzubauen und genau das, was beschrieben wird – die auf Quotenschielen gelenkte Dramaturgie der Produktionsfirma – selbst anzuwenden, dieses Mal aber bezogen auf den Leser und seine Rezeption. Durch geschickte Finessen wird er getäuscht und Antwort vorgegaukelt, nach der kein Fragen war.

Dass DFW etwas von seinem Metier versteht, wird spätestens mit dieser Geschichte deutlich. Ungezwungen wird hier sowohl chronologisch wie auch personal montiert und verschoben, sodass sich erst nach dem Zusammenfügen der Schnipsel ein Bild ergibt. Die Antworten, die geboten werden und den Charakter der Protagonistin vertiefen könnten, bleiben fragwürdig und im Klischee haften und gleichen damit dem Konzept 95% aller TV-Sendungen. Statt das Abziehbild zu hinterfragen wird kurz der Kopf geschüttelt und weiter, zum nächsten Kanal gezappt. Bravo Wallace! Dort spielt gerade „Lyndon“, die abschließende Story des Bandes. DFW belässt es nicht dabei, in seinem sogenannten „Neuen Realismus“ austauschbare TV-„Persönlichkeiten“ zu benutzen, sondern er greift auf Geschichte und Unantastbare zurück. Die Karriere Lyndon B. Johnsons wird geschildert und dem ehemaligen US-Präsident ein schwuler Praktikant und späterer Redenschreiber eingefügt, AIDS kommt hinzu und wenn nicht verstörende, so werden doch zum Nachdenken zwingende „freie“ Dialoge zwischen Präsident und fiktivem Adlatus entworfen. Gelegentlich droht der Text ins Beliebige abzugleiten, doch immer rechtzeitig wird die Erzählung aufgebrochen durch authentische und gefakte Statements und Reden LBSs und seiner Mitarbeiter. An diesen Stellen wird der Präsident greifbar und historisch fassbar gemacht. Interesse erwacht an dem ins Amt geschossenen Texaner und ein wenig kommt auch Tragik und Mitleid dazu. Doch dann ist alles plötzlich vorbei, die Jahre werden vorüber gehetzt und alle sterben.

Dann ist da noch die Kurzgeschichte „John Billy“! … und sie allein rechtfertig jede Münze und jeden Schein, die für den Erwerb des Bandes aufgewendet wurden. „John Billy“ ist brillant, arbeitet auf hohem sprachlichen Niveau und endlich gesellt sich überbordende Fantasie und Einfallsreichtum des Autors hinzu und ihrer Schussfahrt wird freie Bahn gelassen. Da Capo! Die 44 Seiten dürften länger reichen, denn man liest sie gern ein zweites und drittes Mal wieder, ohne dass auch nur ein Satz langweilig geriete. Dabei besinnt sich DFW auf nichts anderes als den klassischen High Noon Showdown in einem Kaff in der Wüste. Heiß ist es und es wird viel Bier getrunken, wie man um die Bar herumsteht und von der Geschichte erzählt, die von dem Kampf zwischen dem All American Guy und dem egomanischen Dorf-Patriarchen handelt, bekannt aus jedem zweiten John Ford-Western. Die Struktur der Geschichte kreist und wird mal vor-, dann wieder zurückgreifend von vielen Stimmen erzählt. Traktoren brettern ineinander und Augen springen aus ihren Lidern, die Sonne brennt und die Einmachgläser mit Alkohol leeren sich. Hier ist am deutlichsten zu spüren, weshalb David Foster Wallace so viele Menschen in Bann zu ziehen vermag. Hier ist alles vorhanden, was ein Großer im Rucksack zu haben hat. Sprachwitz, Dramaturgie, Fantasie und Anarchie.

Mögen die auf Deutsch vorliegenden Erzählungen zwar von unterschiedlicher Qualität sein, Schimmern und Perlmutt ist zwischen vielen Zeilen zu erkennen und dies verzeiht manchen kleinen Fehler. David Foster Wallace war 27 Jahre alt, als „Girl with Curious Hair“ in den USA erschien und Don DeLillo spricht auf dem Umschlag von einer „3-stufigen Rakete in die Zukunft“. Diesem Bild durfte man sich anschließen nach der Lektüre der Kurgeschichten. Die erste Stufe hatte gezündet und am Start war niemand ums Leben gekommen.

Dass Jahre später der Autor in der Kapsel einsam verglühte, ist eine andere, eine weitaus traurigere Geschichte. Commencing countdown, engines on…

Bruten Butterwek

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