Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik

„Jeff Koons hatte sich gerade von seinem Sitz erhoben und voller Begeisterung die Arme ausgestreckt. Ihm gegenüber saß Damien Hirst leicht in sich zusammengesunken auf einem weißen Ledersofa, das zum Teil mit Seidenstoff bedeckt war.“

Michel Houellebecq: „Karte und Gebiet“, aus dem Französischen von Uli Wittman, Dumont, Köln 2011

Jed Martin fotografiert Landkarten des Michelin-Verlags, verändert in der Nachbearbeitung die Tiefenschärfe der Ausschnitte und begründet damit eher unabsichtlich eine bescheidene Karriere als Künstler. Dabei geht es doch um die Karten. Viel feiner seien jene und gestatteten, gesehen durch seine Linse, einen tieferen Blick auf die Strukturen und Anordnungen menschlichen Lebens als Aufnahmen aus dem Flugzeug oder einem Satellit es je zuließen. Keine wirklichen Häuser, Gärten und Straßen, keine realen Menschen, sondern Strukturen. Karten ziehen den Protagonisten des Romans an wie auch Gegenstände und Werkzeuge, mit denen gearbeitet werden kann. So lässt seine Welt sich am besten darstellen. gegenständlich und ohne Leben und ohne Handwerker. Später erst, als Jed zu malen beginnt, kommen die Menschen hinzu.

„Karte und Gebiet“, gehalten in der für Houellebecq typischen schlichten Sprache, nimmt rasch Fahrt auf. Der Autor macht neugierig auf die Kunstszene, in die Jed mit dem Leser hineinwächst – seine Fotografien sind für kurze Zeit äußerst angesagt -, macht neugierig auf die Typen, welche jene bevölkern und besonders auf die Mechanismen, nach denen hier Erfolg und Misserfolg bestimmt wird. Dabei bleibt Jed Martin die von Houellebecq geschaffene Kunstfigur. Stromlinienförmig durchläuft sie typische Phasen eines prominenten Künstlers, selten lehnt sie Angebote ab, kaum zeigt sie Ecken oder Kanten, nur an wenigen Punkten durchbricht Jed Martin das eigene Handeln, meist erst dann, steht er am Ende eines Zyklus. Doch so viele gibt es davon nicht und so gibt es auch wenige Scheidewege, an denen diese Figur etwas Charakteristisches von sich zeigen oder jenes immerhin entwickeln könnte. Man wird schwer warm mit diesem Jed. Der Künstler als Figur bleibt gesichtslos, ohne etwas, das einen sich an ihn erinnern machen möchte, eine blanke Projektionsfläche, mit der Houellebecq spielt, als Autor und als Figur. Der Blick bleibt frei, die beschriebenen Kunstgegenstände zu betrachten und das Milieu, in welchem sich jene erst entwickeln.

Spätere Gemälde, Jed kommt ab vom Fotografieren, tragen pathetische Namen, die in ihrer Syntax an den Sozialistischen Realismus gemahnen: „Der Ingenieur Ferdinand Piëch besucht das Werksgelände in Molsheim“ und „Der Journalist Jean-Pierre Bernard leitet eine Redaktionskonferenz“ oder auch „Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik“. Natürlich möchte man wissen, wie der VW-Chef gezeigt wird, selbstverständlich ist man gespannt darauf, wie Gates und Jobs von einem Maler interpretiert werden, wie sieht der Hocker aus, auf dem Jobs sitzt, trägt Gates Badesandalen? Und man wird nicht enttäuscht.

„Koons war ganz eindeutig nicht locker genug geraten, nicht ätherisch genug – vielleicht hätte er ihn mit Flügeln versehen müssen, wie der Gott Merkur dargestellt wird, dachte Jed stumpf; so wie er hier abgebildet war, in seinem Nadelstreifenanzug und mit seinem Handelsvertreterlächeln, ließ er ein wenig an Silvio Berlusconi denken.“

Gates und Jobs spielen beispielsweise Schach. Das ist nicht sonderlich originell. Gates lehnt sich zufrieden zurück, Jobs steht vor einem Matt. Die sich über mehrere Seiten erstreckende Schilderung flicht erst am Ende ein, die Situation des Apple-Gründers sei gar nicht so aussichtslos, wie sie scheine. Ginge der Betrachter näher an das Gemälde heran, würde er sehen, es fehlten nur drei Züge, um Windows matt zu setzen. Sehen können wir diese Bilder nicht. Wir müssen Houellebecq vertrauen, der sie uns erzählt. Der mit ihnen spielt und mit dem Inventar der globalisierten Kunstszene. Es sind nicht zuletzt diese Schilderungen, mit denen Houellebecqs Roman gewinnt. Fiktive Gemälde werden zwischen den Zeilen ausgebreitet und man liest in diesem Roman teilweise wie in einem Kunstführer und man blättert gern durch diese fiktive Kunstgeschichte.

„Er nahm einen Spachtel, stach Damien Hirst ein Auge aus und vergrößerte dann mühevoll das Loch – es war eine sehr widerstandsfähige Leinwand aus eng gewebten Leinenfasern.“

Mittels bekannter Personen des öffentlichen Lebens und ihres Handelns schafft der Erzähler einen Gegenwartsbezug, den viele zeitgenössische Autoren scheuen. Gewiss gibt es eine „Stuttgart 21“-Literatur, welche sich auf die Sau des Tages schwingt und ihre mittelmäßige Prosa vom öffentlichen Trend in die Buchketten reiten lässt. Bei Houellebecq verhält es sich andersherum. Er macht sich angreifbar, indem er konkret wird. Hier schreibt keiner über einen historisch abgesicherten Stoff oder versucht sich an zeitlosem Erzählen – man will ja auch in 20 Jahren noch aktuell wirken. Nein, Houellebecq greift mitten hinein ins erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, packt die wichtigsten Gesichter und Ikonen und verleiht seinem Roman damit eine Unmittelbarkeit, welche allegorischem Schreiben schwer fällt und dort so niemals zu gelingen vermag. Er lässt weitere Persönlichkeiten auftreten, sie leibhaftig am Boden herumkriechen und in ihrer Eitelkeit baden. Französische Fernsehmoderatoren, den Schriftsteller Frederic Beigbeder und ab der Mitte des Romans dann auch – sich selbst.

„Jed klingelte und wartete dreißig Sekunden, bis ihm der Autor der Elementarteilchen in Pantoffeln, einer Cordhose und einer bequemen Strickjacke aus ungebleichter Wolle die Tür öffnete. Er betrachtete Jed lange und nachdenklich, ehe er den Blick mit einem finsteren Grübeln, das er sich anscheinend zur Gewohnheit gemacht hatte, auf den Rasen richtete.

Nun ist das kein dummer Kniff, sich selbst zum Gegenstand des Textes zu machen, und beileibe kein neuer. Postmodern war das mal, surreal heißt es heute, damit lockt man im medial zersplitterten 2011 niemand mehr hinter dem Ofen hervor. Es kommt auf Stil an und innere Notwendigkeit, auf die erzählte Geschichte selbst. Darauf, wie ein Autor, der sich mutwillig aufs glatte Eis begibt, dort zurechtkommt. Schlittert er herum, schaut er zu sehr in den Spiegel, bleibt es bei der Pflicht oder kriegt er die Kür hin? Sitzen seine Sprünge, passen die gefahrenen Schleifen?

„Ich kann mit Rasenmähern nicht umgehen“, erklärte er. „Ich habe Angst, dass mir die Messer die Finger abschneiden, das soll angeblich sehr oft vorkommen. Ich könnte mir ein Schaf halten, aber ich mag keine Schafe. Es gibt nichts Blöderes als Schafe.“

Houellebecq passt. Der Autor der Elementarteilchen ironisiert sich, was zu erwarten war, erweckt Mitleid in seiner schildkrötenhaften Körperlichkeit, der Einsamkeit, in der er vegetiert und lässt manche klugen Sätze los, die in Interviews vermutlich zwar gern gesagt, aber von niemandem gehört werden.

Beide Figuren, Houellebecq und Jed Martin, leben allein. Sie treffen einander, als der Autor dem Maler ein Vorwort zu dessen geplanter Ausstellung schreiben soll. Sie bleiben allein, vereinzeln sich immer weiter. Mehr und mehr entfernen sie sich ab der Mitte des Romans in die Peripherie Frankreichs, Stück um Stück kapseln sie sich ab von allem, was irritieren, was aufstören könnte. Äußerlich gemahnt das an eine an  Thomas Mann geschulte Künstlerromantik, da der Literat sich abseits hält vom menschlichen Treiben, nur von außen den Blick gewinnen, nur von draußen denen da drinnen einen Spiegel vorhalten kann. Das Klischee vom einsamen Künstler eben. Den Zahn zieht der Erzähler der Intertextualität recht schnell. Beide Männer sind allein, weil sie es wollen. Beide entfernen sich jeder für sich von den Menschen, nicht um besser wahrnehmen zu können, sondern um mehr mit sich selbst zusammensein zu können. In ihren Persönlichkeiten wenden sie sich ab von einer  globalisierten Welt, sie regionalisieren sich selbst, bis einer von beiden zu Tode kommt.

„Karte und Gebiet“ überzeugt in den ersten beiden Dritteln. Der Rundgang durch die Kunstszene amüsiert und der Autor erlaubt sich in doppelter Hinsicht eine Meinung. Als Erzähler und handelnde Figur. Nicht schlecht, manch andere Autoren bekommen das trotz Geschwätzigkeit nicht einmal in einem Halbsatz hin. Ob das sich nun auch alles so verhält im internationalen Kunstmarkt, das kann man nicht wissen. Das ist aber auch nicht so wichtig. Die beschriebenen Mechanismen stimmen, lassen sie sich doch auf jeder Vernissage und in jedem Hinterhof beobachten, in dem Kunst getrieben und vor allem publikumswirksam ausgestellt wird. Aufmerksamkeit und Beachtung. Wer jene nicht verdient, kauft sie sich mit einem Bild, einer Skulptur, einem Artefakt und wer gar nichts kann und auch kein Geld dazu hat, tut einfach so, als mache er Kunst.

„Man kann sich immer […] Notizen machen und versuchen, Sätze aneinanderzureihen; doch um wirklich mit der Niederschrift eines Romans zu beginnen, muss man warten, bis all das kompakt und unwiderlegbar wird, warten, bis ein harter Kern der Notwendigkeit auftaucht.“

Houellebecq ist kein kleiner Wurf gelungen. Hätte er auf den aufgepfropften kriminalistischen Teil und den Epilog verzichtet, wäre es ein ganz großer geworden. Aber der Roman gebiert sich schließlich selbst und welcher Besucher hält der Mutter im Wochenbett schon das eine oder andere schiefe Beinchen des Kindes vor. Vielleicht wächst es sich ja aus mit der Zeit.

„Man trifft die Entscheidung, ein Buch zu schreiben, nie selbst […],  wie ein Block aus Beton, der den Zeitpunkt des Abbindens selbst bestimme […].“

Bis dahin wartet man, schaut Duck Tales oder stopft Unmengen von Mortadella in sich hinein.

Bruten Butterweck

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