Wie blutig die Herde war

„Wir waren auf unserem Weg nach Muczne einer alten Karte gefolgt, in der Lemken- und Bojkendörfer noch mit allen Kapellen, Mühlen, Waldbahnen und Wegkreuzen aufschienen, hatten uns dabei aber offensichtlich an einer verschwundenen Straße orientiert und waren so auf einen Feldweg und schließlich in den Morast vor jenem Gehöft geraten, das in der vergangenen Nacht von den Wölfen heimgesucht worden war.“

Christoph Ransmayr & Martin Pollack: „Der Wolfsjäger. Drei polnische Duette“, S. Fischer, Frankfurt am Main 2011.

Nicht stören lassen von dem reißerischen Titelbild, auf dem ein Wolf die Lefzen hochzieht und ein blitzsauberes Gebiss in die Kamera hält! Auch nicht von der ungelenken Einordnung der drei Geschichten. Der Verlag bezeichnet sie als Duette. Geschenkt. Es handelt sich schlicht um drei Erzählungen, einfach gut geschrieben von Ransmayr und Martin Pollack, Slawist und langjähriger Korrespondent für den SPIEGEL in Warschau. In den Achtzigern haben die beiden schon zusammengearbeitet und für TransAtlantik geschrieben, Enzensbergers leider fast vergessene Monatschrift. TransAtlantik gibt es schon lange nicht mehr, man begnügt sich mit dem New Yorker oder der Du aus Zürich, aber Ransmayr und Pollack haben ihre Zusammenarbeit nicht eingestellt und einen weiteren Text verfasst – Der Wolfsjäger -, der verbunden mit zwei älteren Texten, der Heilige und der Nachkomme, nun veröffentlich wird.

Weder Werwölfe noch Vampire, und auch keine knurrendes Rudel Grautiere, das den einsamen Wanderer einkreist, vor sich hertreibt und zähnefletschend in Angst und Schrecken versetzt. Keine silbernen Kugeln, hölzerne Pfähle oder unheilsschwanger krächzenden Raben. Es geht ruhiger zu, unaufgeregt und parabolisch – und, da es den Menschen verhandelt, auch entsetzlich.

Die zwei Erzähler fahren durch Südost-Polen, orientieren sich an alten Karten, finden aber nicht mehr die Ortschaften, die dort eingezeichnet sind, auch die Kirchen sind verschwunden, von Straßen kann bald gar nicht mehr die Rede sein und die Wege, die es noch gibt, enden irgendwo im Schlamm. Es rumpelt, die Felge bekommt einen Knacks und man hat einen formidablen Platten. Es ist Oktober, man befindet sich an der Grenze, die Kälte der Karpaten steigt aus dem Boden und man hängt fest.

Wie eine Reisereportage liest sich das, man hätte sich auch in ein GEO-Heft verirrt haben können, dann ändert der Text die Richtung und streift durch die Historie der Gegend, versucht aufklärerisch zu wirken und Wissen in deutsche Köpfe zu bringen, die sich seit 70 Jahren vielleicht mit Schlesien und dem Sudetenland beschäftigten, nicht aber mit Osteuropa an sich.

Im Duett: Christoph Ransmayr und Martin Pollack

Was heute ein Teil von Polen ist, ist 1945 Teil der Ukraine. Ein Ort, an dem der Weltkrieg 1945 nicht aufhörte wie anderswo, sondern zwei Jahre weiterging. Zwischen ukrainischen Partisanen auf der einen Seite, die für einen freien Staat Ukraine kämpften, und polnischen Kommunisten, die das ihnen zugesprochene Gebiet unter Kontrolle zu bringen suchten.

„Der Wolf war nicht die einzige Bestie in den Bieszczady-Bergen, die solche Wunden schlagen konnte. Es hatte hier Zeiten gegeben, in denen einem das eigene Haus über dem Kopf angesteckt wurde.“

Ein Attentat auf einen polnischen Vizeminister im März 1947 lässt die kommunistische Regierung Polens die ukrainische Minderheit aus dem Südosten in den Norden und Westen des Landes deportieren. Der Krieg ist entschieden und es wird Rache genommen.

Ein älterer Mann findet die beiden im Morast feststeckenden Erzähler, baut das Rad aus und bringt allesamt zu seiner Hütte am Waldrand. Während er das Rad ausbeult, fließt seine eigene Geschichte in die Erzählung ein. Wie er noch ein Kind war und nach Hause kam „[…] und die Mutter schrecklich zugerichtet, mit versengten Haaren und einer tiefen Kopfwunde, in einem Kellerloch fand. Er schleppte sie in den Wald und blieb dort mit ihr zwei Tage und Nächte ohne Wasser und Nahrung, aus Angst vor jenen Landsleuten, die er für Christenmenschen gehalten hatte.“

Der Wolf wird zum Symbol Funde Schlechtigkeit und Bösartigkeit des Menschen.

Beileibe keine neue Erfindung. Aber wie Ransmayr und Pollack das arrangieren, wie sie die Beutezüge der sich am Gebirge neu ansiedelnden Wölfe einweben, das passt. Wie sie einen zweiten Wolfsjäger am Rande einführen, eine touristische Gesellschaft, die sich im Wirtshaus trifft, das fügt sich alles wunderbar ineinander. Und korrespondiert mit den nicht minder starken älteren Erzählungen. „Der Heilige“ – ein deutscher Wehrmachtssoldat -, 1944 standrechtlich von der Wehrmacht erschossen, in seinem polnischen Grab später zum Märtyrer verklärt. Oder in „Der Nachkomme“, in dem eine jüdische Familie in den späten Sechzigern aus Polen ausgewiesen wird, weil die zum Hochzeitstag gekaufte Sektflasche von der Partei als Feier des israelischen Siegs im Sechs-Tage-Krieg interpretiert werden will. Und einmal an der falschen Stelle geklatscht wurde.

Allen dreien gemein ist das hohe sprachliche Geschick. Ransmayr und Pollack schlagen sich auf keine Seite, werden nie offensichtlich parteiisch. Stets werden weitere Deutungsmöglichkeiten angeboten.

„Was wirklich geschah, ist ohne Bedeutung“, hatte der polnische Priester Stanisław Kluz, ein verständiger Sachbearbeiter der galizischen Ereignisse, den Sinn unserer Ermittlungen schon in Frage gestellt, „der Mythos ist alles, die Wirklichkeit nichts.«“

Das Schicksal der Vertrieben wird zur inhaltlichen Klammer. Die polnische Familie in den Sechzigern. Die Ukrainer in den Vierzigern. Aber auch der Soldat, den der Krieg aus Wien vertrieben hat, hinein nach Polen, wo er von den eigenen Leuten erschossen werden wird. Später versinkt die Wirklichkeit im Mythos und aus dem realen Otto Schimek wird ein Märtyrer gezimmert, in dem sich Österreicher und Polen wiederfinden können, gleichwohl, was der junge Mann tatsächlich getan und gelassen haben haben mag. Weil es eines Gegenbilds bedarf zum allgegenwärtigen Wolf, weil man glauben möchte, es gehe auch anders.

„Wasyl Borsuk, einziger Bewohner dieses Hauses an der Baumgrenze, wäre dem Allmächtigen bis zu seinem letzten Atemzug dankbar gewesen, wenn er den Wolf nie erschaffen hätte. Der Wolf war die Ausgeburt des Bösen, gnadenlos, gierig, grausam, und hatte das Antlitz der Erde verfinstert. Und der Mensch hatte sich an ihm ein Beispiel genommen und war auch böse geworden.“

Der Wolf, der im Rudel jagt, bleibt unausgesprochen das Leittier aller drei Erzählungen. Man muss ihn nicht beim Namen rufen, er ist immer schon da, es ist immer bereit. Und manchmal sind es gerade die Schafe, die sich urplötzlich in Zähne fletschende Wölfe verwandeln.

Bruten Butterwek

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