Auf meine neue, herzliche Art

„Sie benutzt das Wort ›Untergrund‹ ohne jedes Augenzwinkern, wie mir scheint. Zuerst will ich nachfragen, was genau es mit dieser Partyreihe auf sich hat, aber eigentlich erschließt es sich ja von selbst: Es hat ziemlich sicher etwas mit weniger guten Rauschmitteln und mit einer eingeschränkten Getränkeauswahl zu tun, vielleicht auch mit blauer, unvorteilhafter Beleuchtung.“

Leif Randt: Schimmernder Dunst über Coby County, BerlinVerlag 2011

Die an Wunderkindern nicht gerade arme Literaturwelt hat Zuwachs bekommen, Leif Randt, der mit seinem „Leuchtspielhaus“ bereits anklopfte, hat das Haus nun endgültig betreten und mit „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ einen Roman vorgelegt, den einige Kritiker als Zeitenwende, andere immerhin als Zäsur bezeichnen. Vergleichbar im deutschsprachigen Raum lediglich dem frühen Christian Kracht, als der die Republik von Nord nach Süd durchkreuzen ließ. Heißt es.

Wie Kracht bedient Randt sich eines Ich-Erzählers, dessen lakonischem Bericht der Leser nach den ersten Seiten zu folgen beginnt. Weder ist es die Geschichte, die einen in dem Buch hält, noch sind es Charaktere, deren Kanten und Ecken Faszination hevorrufen, denn solche besitzen jene nicht, und auch mitleiden möchte man nur ungern. Aber weiter Wim Endersson zuhören, in dessen Figur der Autor schlüpft, wie er durch dessen Brille ein  Leben ohne Haltung erzählt, wie er einen Ort beschreibt, an dem alle glücklich zu sein scheinen, das hat Kraft, das bleibt interessant. Wim Endersson ist Literaturagent. Er vermag zu verstehen, wenn er einen Text vor sich hat, der sich verkaufen lässt. Er besitzt ein Näschen für Trends. Aber versteht nichts von Literatur und den Möglichkeiten, die jene Lesern wie Autoren anzubieten vermag. Mehr braucht man nicht über diesen Menschen zu wissen, mehr will man auch nicht.

„Das CobyCounty von damals ist trotz dieser Videobeweise für manchen kaum vorstellbar. Meinem Geschichtsunterricht zufolge haben die Halbgeschwister Jerome Colemen und Steven Aura, die zwei wohlhabende Drogeristen waren, in CobyCounty zunächst nur eine sonnige Produktionsstätte für Hygiene- und Schönheitsartikel gesehen.“

In CobyCounty geht es allen gut. Die Menschen sind hilfsbereit, jeder hat Arbeit und jeder ist sowieso gut drauf. Man befindet sich in einem Pleasantville  der Gegenwart. Die Sonne steigt jeden Morgen über dem Meer auf, die Menschen gehen joggen, Not muss hier niemand leiden. Wer hier lebt, ist glücklich, und wer nicht hier lebt, der möchte das sehr gerne tun – CobyCounty als Sehnsuchtsort einer postmaterialistischen Mittelschicht, die wenig eigenes hervorbringt, von dem wirtschaftlichen Erfolg vorheriger Generationen lebt und meint, es sich gut gehen lassen zu dürfen.

„In der internationalen Presse kursiert seit Jahren die Ansicht, dass die Texte aus CobyCounty stilistisch zwar perfekt seien, dass ihnen jedoch der Bezug zu existenzieller Not fehle.“

Die Teilnahmslosigkeit am Leben ist das Thema des Romans. Zwar treffen die Menschen sich, trinken und feiern, gehen an den Strand und irgendwann auch wieder ihrer Arbeit nach, aber richtigen Spaß scheinen sie nicht zu haben. Leif Randts Kunst liegt in der Sprache, die er seinem Protagonisten verleiht. Selten wurde in den vergangenen Jahren eine derart klare Wirklichkeitsbeschreibung abgeliefert, die sich beinahe jeden emotionalen Kommentars enthält. Und doch läuft unter den Worten stets die Ironie mit, die der Leser mitdenken muss, gegen deren Strich jede vermeintliche Regung, jeder Kuss und jede Trennung gebürstet werden muss.

An dieser Stelle lässt Randt sich von Kracht ablösen, der als erster Bezugspunkt gute Dienste leisten, dann aber doch weiter durch sein Deutschland reisen darf. Die Überdrüssigkeit, die Langeweile, die in „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ aus jedem Satz strömt, steht in der Tradition Joris-Karl Huysmans, dessen Fin de Siècle-Roman „À rebours“ keinesfalls als Folie für Leif Randt diente, Parallelen aber bereithält. Eine dekadente Gesellschaft, die sich dieser Dekadenz nicht bewusst ist. Ein Aussteiger, einer, der fühlt, sich da nicht mehr zurecht finden zu wollen. Der mit sich ringt und doch nicht weiß, wohin es gehen soll. Hier hat die Geschichte im Sinne Francis Fukuyamas ihren Endpunkt gefunden. Der historische Wohlstand der postindustriellen Welt läuft auf CobyCounty zu, bündelt sich hier, bewegt in seinen Repräsentanten jedoch nichts Neues mehr. Stillstand und Unbeweglichkeit. Ein Leben in Aspik und Autoreferentialität. Als Wim aus dieser Welt zu fliehen versucht  und einen Zug besteigt, landet er am Ende doch wieder an seinem Ausgangspunkt. Nicht weil ein kafkaesker Gott das will, Wim weiß einfach nicht, wohin, er trägt CobyCounty zu tief in seinen Gliedern, als dass er es loswerden könnte.

„Hier treffen sich nun also wieder diese soft gelaunten Katholiken und trinken ihre Weißweinschorlen.“


Seine inhaltlich starken Momente hat der Roman, wenn Wim durch den Untergrund der Stadt streift. Überhaupt ist der Mann viel unterwegs. Mitten in den Zwanzigern ist er auf der Suche, wird mobil in einer immobil gewordenen Welt und bleibt somit gefangen in einer Seifenblase, rosa von außen betrachtet, düster und dunkel, folgt man Wims sich eintrübender Perspektive. So auch der Untergrund. Anderswo fast überall Symbol alternativer Lebensentwürfe, Ort der Rebellion, des Andersseins, hier ordentlich organisiert mit eigener Security. In der Mall finden diese wilden Partys statt, anderswo fände man jene unter Brücken, in alten Lagerhallen und die Polizei käme, um jene aufzulösen. Aber nicht in CobyCounty, wo Jugendliche und Mitzwanziger, die sich Jugendlichkeit kaufen und in ihren Kleidungsstilen und Musikgewohnheiten zusammenklauen, brav einige Scheine berappen, in die nächtliche Mall eingelassen werden und sich dort unter Aufsicht betrinken dürfen. Niemandem kann hier etwas passieren und so passiert auch nichts in CobyCounty.

Hinweise darauf, dass es gärt, die Stadt vor einer Eruption steht, gibt es. Randt spielt die Eskalation routiniert durch. Eine Hochbahn verunglückt, es kommt zu Bränden in den Bergen und schließlich nähert sich ein Sturm des Küstenstadt, der alles auszulöschen droht. Was korrespondiert mit Wim Enderssons scheiternder Beziehung, dem Verlust an Lebensfreude, dem kurz erwachenden Bewusstsein, dass jene an diesem Ort eh niemals einen Ort gehabt hatte. Wim und seine Freundin, Carla, trennen sich. Danach eine Abfolge nichtiger Momente. Nichts berührt ihn, keine Freude ist zu erkennen, Trauer schon, aber die bleibt beherrschbar und Wim reflektiert, Metaebenen, wohin man in seinem Denken auch blickt. Aber ob er versteht?

„Vielleicht kann man sich nicht sechsundzwanzig Jahre lang jeden Abend neu davon überwältigen lassen, wie die Sonne glühend im Meer versinkt und dann auf dem Pier die Lichterketten angehen. Vielleicht lasse ich mich manchmal aber auch nicht genug darauf ein.“

Wie er den Leser an Wims Leben teilhaben lässt, darin besteht Randts großartige Leistung, die ihn aus dem Stand des Talents heraushebt. Selten war einer so jung und sprachlich so begabt wie kontrolliert. Von dem 27jährigen ist einiges zu erwarten.

Bruten Butterwek

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