Im Tierreich kommt man sonntags nicht zum Kaffeetrinken vorbei

„Nicht der Verfall würde diesen Ort heimsuchen, sondern die totale Verwilderung. Eine wuchernde Eingemeindung, eine friedliche Revolution. Blühende Landschaften.“

Judit Schalansky: „Der Hals der Giraffe“, Suhrkamp, 2011 

Oben an den Ästen saßen die frischesten Blätter und wenn unten alles abgegrast und weggeknabbert war, überlebten nur jene, die da oben hinkamen.  Ganze Generationen, ach was, Jahrtausende mussten die Giraffen ihre Hälse lang strecken. Es war ja nicht so, dass die gleich mit ausgefahrenem Hals auf die Welt gekommen wären. Dafür musste man was tun. Selektion hin und her, die ging ja auch nicht im Eilverfahren, man muss sich das als sehr langsames Umwälzen vorstellen. Wer nicht mithält, vergeht, wer sich anpasst, überlebt und wer ein neues Fress- oder Schutzverhalten generiert, der dominiert.

Irgendwann fingen Muskeln und Knochen an zu wachsen, verabschiedeten sich die Langhälsigen  von den Kurzhälsigen, die ohne große Zeremonie einfach im Malstrom der Evolution verschwanden. So Inge Lohmark. So ihr Biologieunterricht. So ihr Leben. Und was tun wir Menschen heute, gerade die Lehrerinnen und Lehrer?

 „Wir müssen uns alle evaluieren lassen.“

„Bildunsgroman“ hat Judith Schalansky ihren Text untertitelt, denn mit Bildung haben es hier alle zu tun. Die Kinder, denen mit Kern- und Spiralcurricula Bildung transferiert werden soll. Das System, das es als Aufgabe sieht, möglichst viel Bildung in möglichst viele Nervenzellen möglichst vieler Beteiligten zu pflanzen. Bildung nicht verstanden im Sinne des Anhäufens von Wissen, sondern als Entwicklung der Persönlichkeit. Bildung vermittelt besonders durch die Betätigung an Unterrichtsstoffen, ihrer Bewältigung und der Krisen, welche mit jenen zusammen gleich angekarrt werden.

„Fasching im Kulturhaus. Eine Kapelle aus Sachsen“ 

Bildung auch verstanden im Sinne Goethes. Ein epischer Text sei herzustellen, um die Entwicklung eines Menschen darzustellen, bei dessen Ende zumindest irgendetwas anders sein muss an diesem Wesen als zu Beginn. Gebrochen oder aufgerichtet durch Konflikte. So wird der Bildungsroman in der klassischen Perspektive zu einem Lebensroman, Hauptsache, etwas geschieht und verändert sich.

„Wenn Rehböcke zu spät kastriert werden, wächst ihnen eine Perücke anstelle eines Geweihs.“ 

Inge Lohmark geschieht auch, dreißig Jahre lang als Lehrerin erst in der DDR, dann in der nach 1990 gewendeten Schule, aber sie verändert sich nicht. Sie bleibt sich gleich. 222 Seiten lang. Dabei hat der Leser viel Spaß. Versetzt in eine sterbende Region, in ein Gymnasium, etwas zu offensichtlich nach Charles Darwin benannt, in ein schrulliges Kollegium, vor allem in eine zynisch verbitterte Lehrerin, die mit ihrem ätzenden Wortwitz auch eine Nebentätigkeit beim frühen Harald Schmidt hätte eingehen dürfen. Oh, ja, die Lehrer kriegen ihr Fett ab. Keine Sorge. So der Mathematikreferendar Meinhard:

„Der Gürtel saß eine Handbreit zu hoch. Ein tapsiger Sanguiniker mit einem Flaum über der Oberlippe, der nicht zum Bart reichte. Unter seinem hellen, bis oben zugeknöpften Hemd zeichneten sich zwei spitze Brüste ab. Ein Fall für die Männerheilkunde.“

Aber auch alle anderen. Ein Altkommunist mit Leninbärtchen, der den Kartenraum zu seinem Politbüro umgewidmet hat, ein streberhafter Schulleiter aus dem Westen, der mit Neusprech und veralteten New Economy-Worten um sich wirft, als habe er nicht allzubald eine Rede auf einem bundesdeutschen Parteitag zu halten:

„Das hier ist eine Schule im Abbau. Aber wir verwalten nicht das Ende, wir machen diese Schule zukunftsfähig.“

Das ist lustig, das ist alles zu einem ganz eigenen Genre gewachsen in der Nullerjahre-Literatur, jeder weiß, wer gemeint ist, alle haben ihren Spaß. Feste druff.

„Am Fenster die gackernden Kunst-DeutschLehrerinnen, die traurigen Geographen und Historiker weiter vorn, die stinkenden Sportlehrer, die vornehme Mathe-Physik-Fraktion hier vor der Vitrine mit den Pokalen. […] Die könnten wir mal wieder putzen, Lohmark.“

Wäre da nicht Lohmark, Biologie und Sport, dazu Darwinistin durch und durch. Aus ihrer Perspektive nehmen wir die Welt wahr. Zynische und effiziente Blicke. Sarkastische Gedanken. In grandioser Weise umgeschafft in Erlebte Rede.

Dabei ist das mehr Überlebensstrategie, denn  Wunschzustand. Rasch fällt das auf. Tatsächlich sehnt sie die Rückkehr der Tochter herbei, die mehr in die USA geflohen, denn übergesiedelt ist. Es ist die Tochter, immer wieder die Tochter und wenn Gedanken an jene in Lohmark aufkommen, werden die Gedanken entweder noch härter und unbarmherziger, oder sie brechen für kurze Momente auf und man blickt hinein in die Frau. Der Tochter nachfolgen? In die Staaten ziehen? Wozu? Nicht einmal reisen will diese Inge Lohmark und weiß die  Naturwissenchaft an ihrer Seite: Schließlich sei alles schon entdeckt und die große Welt könne man auch in der kleinen vorpommerischen finden.

Schalansky ist ein dichter und kompakter Text gelungen. Mehr Novelle denn Roman, findet sie Stimme und Ton nicht für eine Generation, sondern für einen einzigen Menschen, der unabhängig des jeweiligen politischen Systems leidet. Nicht an Umwelt, Gesellschaft oder Politik. An sich und dem, was vor Jahrzehnten vorgefallen und nicht wieder gutzumachen ist. Lohmark hält Distanz, geht unbeteilgt am Leben vorbei, schafft mit ihrer Gefühllosigkeit Unrecht, denn sie sieht auch vorbei, wenn genau jene, zu deren Schutz sie auch in dier Schule arbeitet, gequält und verstört werden. Ein Zustand, der nur aufrecht zu erhalten ist, wird er noch weiter verhärtet und immer stärker ausgebildet. Die Autorin bricht die Lohmark’sche Suada nur selten auf. Man muss genau lesen. Den einen Satz finden, der ihre aufkeimende Begeisterung für die junge Schülerin deuten, jenen Nebensatz sorgfältig lesen, der die Beziehung zu dem Strauße züchtenden Ehemann verstehen lässt. Das ist Schalanskys Kunst. Gegen den Strich sollen die Gedanken der Inge Lohmark gelesen werden, vielleicht mag man Mitleid für  sie  empfinden, in jedem Fall aber Faszination.

„Wenn ein Experiment nicht aufgehen will, muss man eben überlegen, wie man es zu der richtigen Aussage zwingen kann.“ 

Lohmarks Leben ist vor langer Zeit wie ein missglücktes Expermient aus dem Ruder gelaufen und seitdem ist sie dabei, die Aussage herbeizuzwingen, mit der sie auskommen, mit der sie weiter leben kann.

„Erst das Tieretöten für die Sezierstunde verbieten und dann mehr Wirklichkeitsnähe fordern.“  

Doch wie Harald Schmidt nur an zwei Tagen der Woche unterhaltsam ist und sich auch da nur für 30 Minuten ertragen lässt, so wären auch hier weniger Seiten mehr gewesen. Muss es denn selbst einen Kevin geben und muss der auch noch einen Nasenring besitzen? Wozu eine Abspritzkammer für Zuchtbullen? Gerade im letzten Drittel des Textes ist vieles vorhersehbar, der Parallelismus zur Biologie lange bereits erkannt wie genossen und man sucht eigentlich nur noch nach dem letzten erlösenden Satz. Wie das menschliche Leben auf das tierische zu übertragen versucht wird, das ist toll gemacht, viel Neues kommt aber nach der ersten Hälfte des Textes nicht mehr, den man doch gerne weiter liest um der Sprache willen. Schalanskys Aphorismen, Zitate, Belehrungen treffen und bereiten Freude. Also – ein guter Text.

Und wer den Lehrern mal wieder eins übergezogen sehen  möchte, dem werden die 222 Seiten sogar zu kurz geraten sein, der möchte mehr lesen über die neuen Motivationsansprachen des Schulleiters, die gefühlsduselige Schwannecke, die so gefühlsduselig gar nicht ist und über die Lohmark, deren Distanz zu sich selbst unübebrückbarer ist als jene zwischen Giraffenmaul und Blätterparadies.

Bruten Butterwek

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One response to “Im Tierreich kommt man sonntags nicht zum Kaffeetrinken vorbei”

  1. Jasper says :

    Lehrreicher Beitrag. Interessant, wenn man das Thema auch mal aus einer anderen Perspektive betrachten kann.

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