Diabolus ex machina

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Gothic Horror oder Reminiszenz aus Spanien? Javier Marquez Sanchez holt die B-Movies von Hammer aus der Kiste und näht sich einen Roman daraus.

Javier Marquez Sanchez: „Das Fest des Monsieur Orphée“, übersetzt von Luis Ruby, Walde+Graf, 401 S.

Man sollte sich ein Laboratorium vorstellen, hinter den Burgmauern zucken Blitze, aus den Reagenzgläsern dampft es und ein Mann in weißem Kittel näht aus verschiedenen Einzelteilen den neuen Menschen zusammen. Ein Krachen und Donnern fährt uns in die Glieder, sodass wir aus dem Kinosessel hochhüpfen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und der Kamera folgen, die auf den in Mullbinden umwickelten Torso zufährt. Lebt es? Oder bleibt es Zusammengestückeltes?

Der Autor hat sich in ein Genre eingegraben, von dem nur wenig übrig geblieben ist. Zum Glück, die einen –  leider, leider, die anderen. Mitte der 50er machte sich ein kleines Häuflein daran, dem Horror-Film wieder auf die Beine zu helfen. Nach dem Krieg stand den wenigsten der Sinn, nun Blut auch noch auf der Leinwand zu sehen und wer konnte sich noch erschrecken, wenn Bela Lugosi bedeutungsschwanger den Mond anstarrte und Boris Karloff umher stakste, nachdem Hitler und Goebbels  sich jahrelang durch die Wochenschauen geschrien hatten und Dr.Mengele gerade Richtung Südamerika verschwunden war?

Michael Carreras, Terence Fisher und Jimmy Sangster nahmen den alten Frankenstein-Stoff und filmten ihn trotzdem ein weiteres Mal ab, dieses Mal in Farbe. Peter Cushing und Christopher Lee wurden engagiert. Der eine, bis dahin lediglich in BBC-Filmen erfolgreich, wollte auf die große Leinwand, der andere war zu groß und fand deswegen kaum Angebote. Jeder Schauspieler neben Lee wirkte zwergenhaft, wie sollte gar eine romantische Szene mit Kuss gelingen? Der Rest ist Legende, beide starteten bei Hammer ihre Karrieren und ein Verdienst des Romans ist es, daran zu erinnern.

Tief hat der Autor in Biographien gewühlt und fleißig youtube geschaut. Die von ihm beschriebene Leidenschaft Cushings für Zinnsoldaten findet sich im Netz wieder, das sich gerade für diesen Roman als Medium der Erinnerung erweist. Wobei nebenan zugleich nicht mehr mit Zinnsoldaten, sondern WoW gespielt werden kann.

Von solchen Details lebt der Roman und er ist voll davon. Sanchez baut Szene um Szene ein, die einem bekannt vorkommt, passt sich der Stimmung an und ordnet alles diesem Sammelsurium unter. Mr Kidd und Mr Wint feiern fernab von James Bond, der nun nicht viel mit Hammer Film zu schaffen hatte, fröhliche Urständ und die Belagerung von Scotland Yard durch Odachlose erinnert frappierend an Carpenters Prince of Darkness, der sich  da selbst bei Assault on Precinct 13 kopierte, wo er Fred Zinnemanns High Noon transponierte.

Großartig auch die Gestaltung des Buches, besorgt vom Walde+Graf-Verlag. Wie in der satanischen Bibel sind einige Seiten in Schwarz gedruckt, die Seitenzahlen stehen auf dem Kopf, Schwarz-Weiß-Collagen im Stile der 50er Groschenhefte, alles ganz wunderbar – gäbe es mehr solche Bücher, man spräche nicht so häufig vom eBook.

Die große Leistung des Autors ist es, reale Personen und ihre Biografien mit einem Plot zu verschmelzen, der geradewegs aus den Hammer Film-Studios stammen könnte.

Der fiktive Peter Cushing recherchiert für seine Rolle als Frankenstein über die Anthropologie der Angst. Währenddessen forschen zwei Beamte des Yards einem Massaker nach, in dessen Verlauf sich die Bevölkerung eines gesamten Dorfes ausgelöscht hatte. Beide Handlungsfäden spinnen aufeinander zu und schließlich mündet alles in einem mysteriösen Film, den der Satan selbst gedreht haben soll – besagtes Fest des Monsieur Orphée – und der als Luzifers Bibel eine neue Weltordnung einläuten soll.

So gut, so spannend. Die 400 Seiten lassen kaum Atemholen zu, man hetzt hindurch und das ist gut für das Buch. Fällt es bei näherer Betrachtung und langsamerem Lesen doch recht zügig in disparate Teile.

Zum einen die ungelenke Sprache.

„Der Adlige, der hinter einem massiven Schreibtisch saß, erhob sich mit beneidenswertem Elan, nicht ohne zuvor seine Zigarette, die in einem schwarzen Mundstück aus Elfenbein steckte, in den Aschenbecher zu legen. Mit ausgestreckten Armen kam er auf seine Besucher zu.“

Weder erhalten die Figuren Tiefe – mit der Ausnahme Cushings -, noch wirkt das alles sonderlich elegant. Man merkt dem Roman an, dass er in fünf Monaten herunter geschrieben wurde. Zuviele Adjektive und Adverbien, unbegrenzte Wiederholungen, an jeder Ecke wird doziert und erklärt und auf den letzten Seiten, nach gefühlten vierzig Seiten Geballer und Geschieße, wird so aufgeklärt, dass selbst Satan sich schmollend in die Hölle zurückziehen möchte. Die Todsünde der Literatur wird begangen:

„Was war überhaupt Ihr Auftrag?“ […]

„Sehr gut, Professor. Genau darum ging es […].“

„“Wie meinen Sie das?“ […]

„Na schön, warum sollte ich Ihnen nicht davon erzählen?“

Auf den letzten Seiten wird zusammengeknotet, was der Leser zuvor nicht über den Text verstanden hat. Das Problem: es gibt da nix zu verstehen. Es wird zum dutzendsten Male eingehämmert, was jedem nach 100 Seiten klar war: Luzifer will in die Welt zurück und dazu benötigt er Helfer. Punkt.

Anderer leidlicher Punkt. Opfer. Alle Nase lang werden Jungfrauen auf Altäre gelegt, brutale Morde geschildert und – siehe The Omen –  Leute von Rollos erschlagen oder im Schlaf von Tieren angegriffen: diabolus ex machina. Was die Frage nach der inneren Logik des Romans aufwirft. Wozu soll Satan einen Film drehen und über die Welt kommen lassen, jene damit angesichts des visuellen Terrors ins Chaos stürzen, wenn es so auch einfacher geht? Rollo runter, Nacken durch. Traum an, Freddy Krüger von der Leine gelassen. Michael Bay und Eric Bruckheimer sind filmisch zudem auch von Luzifer schwer noch zu übertreffen.

Das ist alles nicht nur unnötig, das ist ärgerlich. So verkommt eine gute Grundidee, die spannend aufgebaut wird, tatsächlich zu einer Hammer Film-Produktion. Blut, Blut und alles in Farbe.

Sanchez gelingt es nicht, seinem fleißig zusammengenähten Torso Leben einzuhauchen. Der bleibt auf der Bahre liegen und der Leser schaut ihm zunehmend ratlos über die Schulter.

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Dem Roman könnte es ein wenig ergehen wie Peter Cushings erstem Frankenstein-Film „The Curse of Frankenstein“. Die Kritik fand einige Mängel in ihm,  das Publikum hat fleißig Eintritt bezahlt und sich ordentlich erschreckt.

Bruten Butterek

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