Bordone-Saal-Sitzbank

Wie aktuell kann ein alter Meister sein? Wie nahe kann er Jahre nach seinem Tod Gedanken und Gefühle berühren? Thomas Bernhard hebt sich auch nach seinem Tod aus der Masse heraus. Sprache und Form, Ideen und Gedanken behalten ihre Aktualität. Nichts ist gealtert – dafür alles meisterlich gereift.

Thomas Bernhard: „Alte Meister“, Roman, 311 Seiten, 1985.  

Die Vornamen werden nicht genannt. Man unterhält sich über die innersten Dinge, bedrängt intime Bereiche und klärt wesentliche Bezirke der europäischen Geistesgeschichte, aber näher an einander heranrücken, persönlich werden – das möchten die beiden Figuren nicht. Reger hat Atzbacher auf zwölf Uhr ins Kunsthistorische Museum bestellt, was der zum Anlass nimmt, etwas früher dort einzutreffen. Da er Reger kennt und mehr über dessen Denken, Natur und Wesen erfahren möchte, schleicht er durch die Säle, verbirgt sich, da er ihn entdeckt, und beginnt eine verborgene Beobachtung, die außer der bloßen Wahrnehmung zwar keine neuen Erkenntnisse bringt – dem Leser jedoch die auf dem Abbild gespiegelte Erinnerung Atzbachers.

Nach wenigen Sätzen bereits tritt ein Wesensmerkmal Bernhardscher Prosakompositionen hervor. Reger, der im Auftrag der Times das musikalische Leben der Wiener bespricht und als Beobachter musikphilosophische Artikel für die Zeitung verfasst, wird seinerseits zum Studienobjekt. Die Perspektiven werden gewechselt und der 82jährige Mann, der seit 36 Jahren jeden Morgen das Kunsthistorische Museum besucht und auf der immer gleichen Sitzbank Platz Platz nimmt, um Tintorettos „Weißbärtigen Mann“ zu betrachten, gerät zu einem Kunstobjekt, das es zu kritisieren und zu verstehen gilt.  Ein Annähern und Einfühlen wird unternommen, dessen Scheitern im Versuch, dessen Erfolg bereits in der Form angelegt scheint. Wie kann von einem anderen Menschen mehr begriffen werden als sein äußeres Sein? Jedes Wort, das er liefert, und jeder Satz, den er spricht, werden in ein scheinbar strenges, weil empirisch scheinendes Bezugsystem gesetzt, verlieren dort in Wiederholungen, Widersprüchen und Werturteilen jedoch ihre Aussagekraft. Eine Ahnung über die innere Form kann darüber zwar erstehen – Wissen jedoch nicht.

Wie in vielen seiner Werke ironisiert Bernhard jegliches Erkenntnisstreben, ohne jedes zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken. Er lässt Atzbacher über Ecken, Spiegelungen und mehrfache gebrochene Berichte einen scheinbar objektiven Einstieg in das Wesen Regers nehmen. Doch bis der sich endlich neben seinen Untersuchungsgegenstand auf die Bank setzt, die wissenschaftliche Distanz aufgibt und nach dem vermittelten Eindruck den unmittelbaren sucht, verstreicht die Hälfte des Romans. Wie Thomas Bernhard jenes Unternehmen schriftstellerisch meistert und in einen schlingernden Gedankenstrom fasst, der mal Regers Ideen, mal des Museumsdieners Wiedergaben der Meinungen Regers und schließlich auch Atzbachers Reflektionen umschreibt, das wird großartig und auf hohem sprachlichen wie gedanklichem Niveau durchgespielt. Ohne Kapitel, ohne Absatz – der ganze Bernhard eben.     „Bis zu Mittag ist ihm die Achtzehngradtemperatur im Kunsthistorischen Museum die angenehme, am Nachmittag fühlt er sich wohler im warmen Ambassador, in welchem es immer eine Temperatur von dreiundzwanzig Grad hat. Am Nachmittag denke ich nicht mehr so gern und nicht mehr so intensiv nach, sagt Reger, da kann ich mir das Ambassador leisten.“

 Reger hat seine Frau verloren. Nach dreißig Jahren Ehe hat der Verlust des Menschen ihn nicht aus der Bahn geworfen, doch stärker denn je an die alte Gewohnheit gebunden. Die Sitzbank im Bordone-Saal vor dem „Weißbärtigen Mann“ von Tintoretto ist der einzige Grund, den er noch besitzt. Er war schon dort gesessen, bevor er seine Frau hat kennengelernt. Und an welchem anderen Ort hat er sie auch kennenlernen können, wie auf jener Sitzbank, versunken in das Bild Tintorettos, den eigenen Gedanken nachhängend. Zu Reger muss man sich begeben, auf seine Sichthöhe, in seine Perspektive hinein – das tut Atzbacher im zweiten Teil des als Komödie bezeichneten Romans.

Die Heirat enthob zwar der materiellen Sorgen und auch nach dem Tod seiner Gattin ist Reger durch das überkommene Vermögen hinreichend abgesichert. Vor dem Sturz in die „leeren Räume“, welche schon Pascal schaudern ließen, vermag er sich jedoch nicht zu sichern. Selbst die Liebe zum einzigen ihm teuren Menschen konnte nicht gegen jene Leere ankommen, immerhin besänftigen vermochte sie und Ablenkung spenden inmitten jener Trostlosigkeit. Regers Zorn ist allmächtig. Zur Freude des Lesers lässt Bernhard ihn wettern gegen Österreich und die deutsche Kultur. Lässt ihn auf die „Alten Meister und Großen Geister“ losschießen wie eine tollwütige Töle, zubeißen und Stücke aus Beinkleid, Fleisch und Knochen herausreißen. Reger ist unerbittlich und deutlich ein Bernhardsches alte ego. Klarsichtig stellt er die Unvollkommenheit der Alten heraus und kritisiert, rezensiert und zerreißt mit einer emotionalen Intellektualität, wie sie im deutschsprachigen Raum lange gesucht werden muss. Es bereitet Freude, wie er Monumente stürzt, Denkmäler schleift und sie der Lächerlichkeit preisgibt. Heideggers Schlafmütze, Stifters Dilettantismus, Bruckners Pathos, Beethovens Marschmusik und Mozarts Kitsch. Ob berechtigt oder nicht, Reger findet gute Gründe für seine Meinung.

Fans denken anders

Zum Glück keine Fans, zum Glück eine Reaktion.

Anschließen muss man sich ihm nicht. Auseinandersetzen mit seiner Meinung jedoch sehr wohl. Mehr als an der mittelmäßigen Kunst der alten Meister leidet Reger an den Altären, die ihnen errichtet wurden und wo der mediokren Plattheit vermeintlicher Meisterwerke Opfergaben dargebracht und ihre Schöpfer angebetet würden. Als der Verstandesmensch, den er in sich zu erkennen meint, vermag er allein Pascal und Montaigne anzunehmen und Goya – aber von diesem Maler führt das Wiener Museum selbstverständlich kein Gemälde.

„Alle diese hier an den Wänden hängenden Bilder sind ja nichts anderes als Bilder von Staatskünstlern. […]. Immer wieder nur ein Antlitz, wie Reger sagt, kein Gesicht. Immer wieder nur ein Haupt, kein Kopf. Alles in allem immer nur die Vorderseite ohne die Kehrseite, immer wieder doch nur die Lüge und die Verlogenheit ohne die Wirklichkeit und die Wahrheit.“

Sein Rundumschlag gegen Gemälde wächst sich aus zu einer profunden Kritik am Kanon des deutschsprachigen Raums. Reger geißelt die Gefallsucht der Künstler und Philosophen, welche jene aber erst auf das Podest der mittelmäßigen Öffentlichkeit zu erheben vermag. Einmal dort installiert, verehrten auch spätere Generationen die Tradition und „bewunderten“ ohne Nachsinnen, dafür aber mit Innbrunst und feurigem Eifer. Das Wunder der Vollkommenheit schließt Reger aus. Jedes Kunstwerk besäße Fehler und entzöge sich somit sui generis jedem Kult, der um es herum aufgerichtet würde. Reger, der an Atzbacher heranspricht, ohne eine Antwort zu erwarten, wie er auch gegen den „Weißbärtigen Mann“ andenkt, ohne an die Erlösung von der Leere glauben zu wollen, verlangt den wachen, den kritischen Geist, der nichts annimmt, wie es ihm dargeboten wird, sondern hinterfragt und bereit ist, Fehlerhaftigkeit aufzudecken und vor allem ertragen zu können.

„Sie haben einen freien Kopf, sagte Reger, das ist das Kostbarste, das es auf der Welt gibt. Sie sind ein Einzelgänger und haben sich Ihr Einzelgängertum bewahrt, bewahren Sie es sich, solange Sie leben, sagte Reger. Ich bin in die Kunst hineingeschlüpft, um dem Leben zu entkommen, so könnte ich es ja auch sagen, sagte er.“

Eine Sprache, die um sich selbst kreist, die wiederholt, vorweg nimmt, wieder aufgreift, das kennt man von Bernhard, das kennt man von seinen Figuren. Wie er hier Reger durch Atzbacher eine Stimme verleiht, ist stimmig, fügt sich dem Inhalt des Gesprochenen ein, verleiht jenem erst den notwendigen Nachdruck. Form ist bei Bernhard kein Selbstzweck. In „Alte Meister“ führt er damit Gedanken über Staat, Gesellschaft und Kunst auf nachhaltige Weise zum Ausgangspunkt ihres Daseins zurück. Der Mensch, um den Regers Sprechen kreist, wird innerhalb dieses Spannungsfeldes zu einem in die Permanenz gesteigerten Versuch, sich auf klare und kritische Weise ein begehbares Fundament zu errichten. Dass hierbei niemals abgebrochen werden, sondern immer wieder eingerissen werden muss, gehört jener in Vergessenheit geratenen aufklärerischen Denkweise an, die Reger verinnerlicht und sich zum einzig tragbaren Gerüst des Daseins eingezogen hat. Er muss sie auf die Spitze treiben, bevor er zu einem schlichten Axiom zurückzukehren vermag. “ […]

Sie können hineinschauen, wo Sie wollen, alles ist leer und Sie schauen und schauern und Sie sehen, alles ist wirklich leer und zwar für immer, so Reger. Und Sie erkennen, nicht diese großen Geister und nicht diese Alten meister sind es, die Sie Jahrzehnte am Leben erhalten haben, sondern dass es nur dieser eine einzige Mensch, den Sie wie keinen zweiten geliebt haben, gewesen ist. Und in diesem Erkennen und mit diesem Erkennen sind Sie allein und es hilft Ihnen nichts und niemand, so Reger.“ „Alte Meister“ ist auf höchstem Reflektionsniveau geschriebene Literatur. In eine Erzählung geronnene Philosophie und Kritik – konzentriert, komödiantisch und bisweilen schmerzhaft. Thomas Bernhard konnte das.

Bruten Butterwek

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